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The Last Guardian: Es lebt (zumindest bis zum letzten Level)!

Das schöne Ende eines langen, grausamen Scherzes.

Der war gut, Sony! Wenn man schon nicht in unmittelbarer Kalendernähe zur E3 mit neuen Eigenproduktionen aufwartet, wie zuletzt Sonys Andrew House selbst eingestand, muss man sich eben etwas anderes überlegen, um der Messe aller Messen einen magischen Dreh zu verpassen. Sonys Idee: Warum nicht gleich drei der langlebigsten E3-Running-Gags ein Ende setzen und mit einer seltenen Mischung aus Nostalgie des Gewesenen und Fantasie des kommenden für feuchte Augen sorgen?

Die Rechnung ging jedenfalls auf: Nicht nur kommt tatsächlich ein Remake von Final Fantasy 7, Shenmue 3 (das in der spärlichen Zeit von meinem ersten Kaffee bis zur achten Zeile dieses Word-Dokuments seinem Ziel von zwei Millionen Kickstarter-Dollar um satte 200.000 näherkam) und The Last Guardian kommen tatsächlich. Alle, die die Konferenz nicht live verfolgten, erleben unglaubliche Szenen im Kopfkino: Wildfremde Menschen liegen sich in den Armen, BioWare veröffentlicht zur Feier des Tages das echte Ende von Mass Effect 3 und Nintendo produziert aus schierer Nächstenliebe eine Million zusätzlicher Inkling-Amiibos!

Dass das Gesehene von The Last Guardian dann auch noch exakt so anmutete, wie man sich das damals ausmalte - das schönste vorläufige Ende der langen, sorgenvollen Entwicklung eines Titels, der die Herzen direkt auf seiner Seite hatte. Fast fragt man sich, was da so lange gedauert hat, möchte die Lupe rausholen, um nach den PS3-Wurzeln des nun für die PlayStation 4 erscheinenden Titels zu suchen. Nur um schließlich zu dem Schluss zu kommen, dass Charakter eine Größe ist, die zu schätzen es keine Lupe braucht. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass The Last Guardian schon mit dem ersten Trailer seiner Zeit deutlich voraus war.

Spielerisch ist es einmal mehr Ico, wenn die lichte Prinzessin das Format eines gefiederten, vierbeinigen Schulbusses annähme und allgemein hilfreicher und wehrhafter wäre. Ein Kletter- und Springspiel vor filigraner, aber im Verfall begriffenen und durch und durch trauriger Monumentalarchitektur. Zwei Freunde, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, eine fremde Sprache, die nichts von Simblisch hat und viele, viele Hindernisse und Widrigkeiten in einer Umgebung, die nicht daran denkt, ihre Besucher in die Freiheit zu entlassen.

Wenn nicht alles täuscht, steuert man das Verhalten der Kreatur, ein Jungtier, wie es scheint, indirekt, indem man ihm die gewünschte Aktion vorspielt oder abstrakte Stimmkommandos gibt. Der kleine Protagonist - es wäre an dieser Stelle durchaus lustig, wenn sich nach allem Hin und Her herausstellte, dass man jetzt doch das Monster steuerte - macht am Ende einer kollabierten Brücke zum Beispiel zwei Hüpfer auf der Stelle, um dem Biest zu signalisieren, "spring' für mich auf die andere Seite". Nach einem kurzen Eiertanz, dem eines Hundes nicht unähnlich, der nicht so überzeugt von Herrchens Idee ist, macht die Chimäre einen gewaltigen Satz zum maroden Gerüst auf der anderen Seite.

Sechs Jahre ist das jetzt her.

Das gibt sich nach allen Regeln moderner Videospielphysik in zum Nägelkauen anregender Art ein Stück weit der Schwerkraft und der vierprankigen Last geschlagen. Das Biest jedoch behält einen kühlen Kopf und erwartet den Sprung seines kindlichen Freundes, der natürlich zu kurz gerät, um ihn vor dem Absturz noch am Kragen seiner Toga zu packen. Man kann gar nicht so genau sagen, was an diesen spielerisch anscheinend vollkommen trivialen Szenen so einehmend ist. Die ungleichen Gefährten haben einfach eine gewisse Chemie, und weil diese Beziehung in beide Richtungen geht, was schön deutlich wird, als die Kreatur nach einem missglückten Sprung auf die Hilfe des Jungen angewiesen ist, empfindet man sie als besonders kostbar.

Auch sechs Jahre nach der ersten Ankündigung fasziniert es noch, wie lebensecht sich Fumito Uedas komplett aus der Luft gegriffenes Fabelwesen bewegt. Das Zuzuschauen ist hypnotisierend, macht ein bisschen glücklich, wie immer, wenn man ein Lebewesen derart vollkommener Unschuld und Erhabenheit beobachtet, in einer guten Tierdoku etwa oder in einem exotischen Streichelzoo. Nur dass dieses Wesen definitiv hier und nirgends anders sein will, an der Seite seines Freundes, während ringsum herum eine überalterte Welt bröckelnd in den letzten Zügen liegt.

The Last Guardian lebt und es ist ein Spiel, auf das sich Hunde- und Katzenfans einigen können. Das ist auch im Licht der Ankündigungen von Shenmue 3 und einer endlich zeitlos schönen FF7-Version noch die vielleicht größte Überraschung der Messe.

Über den Autor

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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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